Topos: Die beste Freundin

Die Arbeitswelt im Film kommt ohne beste Freundinnen und engagierte Kolleginnen nicht aus. Sie zeigen durch ihre eigenen Erfahrungen auf, wie es für die Protagonistin auch hätte laufen können (Kleinstadt-Ehe, Sekretärinnen-Stuhl, Staten Island), außerdem dient sie natürlich als Dialogpartnerin für Schlagabtausch, Stimme des Gewissens, Vergewisserung.

Szenenfoto aus Working Girl: Die Sekretärinnen auf ihrer morgendlichen Fährfahrt nach Manhattan. Coypright 20th Century Fox
Beste Freundin Cusack (mit Kuchen). Die Sekretärinnen auf ihrer morgendlichen Fährfahrt nach Manhattan. ((c) 20th Century Fox)

Joan Cusack, die geborene actress in a supporting role, spielt in Working Girl Cynthia, die beste Freundin von Tess und Co-Sekretärin [1]. Sie fährt mit ihr nach Manhattan, geht aber statt in den Abendkurs lieber mit Freundinnen etwas trinken. Ihre Haare sind noch um einiges höher toupiert und ihr Lidschatten noch greller als der von Tess. Sie heiratet ihre Jugendliebe, Tess nicht. Sie weiß, wo ihr Platz ist: „Sometimes I sing and dance around the house in my underwear. Doesn’t make me Madonna. Never will.“ (imdb, 18.12.2018) Aber sie versteht am Ende auch am besten, wohin es Tess geschafft hat: In das Büro mit Fenster, fort aus dem Cubicle ohne Tageslicht.

Tess: [on the phone] Cyn! Guess where I am…

Cynthia: [stands up, screams to secretaries] She got out! Oh my god! I can’t believe it, she’s out – she made it out! She got out! She has her own office![2]

Keine beste Freundin, wohl aber eine unverzichtbare Assistentin: Zehn Jahre danach, in der Farce Grosse Point Blank – Ein Mann ein Mord (1997), spielt Joan Cusack erneut eine Sekretärin – aber was für eine! Hier ist sie Marcella, die tüchtige Assistentin eines Auftragsmörders (Cusacks Bruder John). Während ihr etwas depressiver Boss sich irrlichternd auf den Weg zur High School Reunion und einem letzten Auftrag in seiner Heimatstadt macht, hält sie den Laden zusammen: Bestellt Munition, staucht Dienstleister zusammen, richtet ihm Nachrichten und Aufträge aus und was man eben sonst noch so macht, wenn man einen Betrieb am Laufen hält. Ein ganz normaler Job. Zu dem auch gehört, auf sein Geheiß hin am Ende alles abzufackeln und das Geschäft aufzulösen.

Eine überaus unterstützende Freundin und Kollegin ist auch Zelda Fuller, gespielt von Octavia Spencer, in Shape of Water (2017). Ohne die Freundin, die im Alltag ihr Sprachrohr ist und diese mit Alibis versorgt, wenn sie nicht pünktlich die Stempeluhr bedienen kann, könnte die gehörlose Elisa Esposito (Sally Hawkins) das fantastische Unterwasserwesen, das in dem geheimen Versuchslabor der US-Regierung gefangen gehalten wird und in dem sie beide putzen, nicht befreien. 

Eine kongeniale Nebendarstellerin, Kollegin und beste Freundin ist Rosie O’Donnell in Sleepless in Seattle (Schlaflos in Seattle, 1993). Becky ist Annies (Meg Ryan) Chefin in der Redaktion und lässt diese ihre Geschichte um den rührenden Witwer Sam (Tom Hanks) im Radio weiterverfolgen[3]. Sie weint aber auch mit Annie vor dem Fernseher, als sie zusammen An Affair to remember (1957) schauen, und erörtert mit ihr, ob Annie sich Sam in eigener Sache, unabhängig von ihrer Zeitungsstory, nähern und ihren allergischen Verlobten in den Wind schießen soll.[4]

In Runaway Bride (Die Braut, die sich nicht traut, 1999) kommen mehrere Topoi dramaturgisch gesetzter Filmberufe zusammen. Rita Wilson gibt die taffe Ex-Frau und Chefredakteurin des Kolumnisten Ike Graham (Richard Gere), der seinen Job in letzter Zeit etwas zu lässig angeht. Sie hat ihm schon tausend Mal aus der Patsche geholfen, aber ist professionell dem ethischen, heißt fakten-gecheckten Journalismus verpflichtet und muss ihn nun vor die Tür setzen. Wir haben außerdem wieder die fidele Joan Cusack als beste Freundin, hier als Inhaberin eines Frisiersalons (und mit nettem Mann). Und Protagonistin Julia Roberts ist die patente Kleinstadt-Klempnerin, die den Eisenwarenladen der Familie führt und überall mit ihrer Rohrzange auftaucht, wo es klemmt.


Die beste Freundin
  • Working Girl (Die Waffen der Frauen). USA, 1988. Regie: Mike Nichols. Buch: Kevin Wade.
  • Grosse Point Blank: Ein Mann – ein Mord. USA, 1997. Regie: George Armitage. Buch: Tom Jankiewicz (u.a.)
  • Shape of Water – Das Flüstern des Wassers. USA, 2017. Buch & Regie: Guillermo del Toro.
  • Sleepless in Seattle (Schlaflos in Seattle). USA, 1993. Buch & Regie: Nora Ephron.
  • Runaway Bride (Die Braut, die sich nicht traut). USA, 1999. Regie: Garry Marshall. Buch: Josann McGibbon, Sara Parriott

[1] Bei den American Comedy Awards 1989 wurde sie dafür als Funniest Supporting Actress in a Motion Picture ausgezeichnet. (imdb, 18.12.2018)

[2] Imdb, 18.12.2018

[3] Chefin Becky (ohne Nachname) gehört also außerdem in die Kohorte der Mentorinnen-Chefinnen, insbesondere solchen auf Chefredakteurssesseln. Sie prüft, argumentiert und diskutiert mit Annie das Für und Wider ihrer Story und lässt sie machen, als sie überzeugt ist.

[4] Sowohl Zelda als auch Becky haben mit ihren jeweiligen Männern respektive Freunden übrigens nicht viel Glück; Zelda wird von ihrem geschlagen (dies ist allerdings auch eine Hollywood-Stereotype über schwarze Männer). Beckys Freund Rick taucht im Film nicht auf, dient aber als Referenzobjekt für einen Lebenspartner, der nur so lala ist – nicht zu vergleichen mit Witwer Sam aus Seattle oder einem Cary Grant aus An Affair to Remember (Die große Liebe meines Lebens, 1957). Auf den Leo McCarey-Film bezieht sich Schlaflos in Seattle an mehreren Stellen – etwa beim vereinbarten Treffpunkt auf dem Empire State Building, das hier aber tatsächlich stattfindet, und in der seeeeehr lustigen Szene, in der Rita Wilson unter Tränen die Story des Films erzählt – woraufhin sich Mann und Schwager über sie lustig machen.

„It’s a chicks‘ movie.“ Frauenfilme, Männerfilme… Rita Wilson – auf der anderen Seite des Tisches – erzählt den beiden Jungs die Schlüsselszene von An Affair to remember nach. Ohne Zweifel: Sie ist auch sehr oft eine „funny actress in a supporting role“. Hat ihre Figur hier einen Beruf? Oh!

Working Girl (1988)

Melanie Griffith ist der Inbegriff des Working Girls im titelgebenden Working Girl – Die Waffen der Frauen (1988) – eine Ikone der 1980er. Durch Herkunft, Familie, Freund und Wohnsitz[1] förmlich zu Boden gezogen, versucht sie doch, sich den Weg nach oben zu erkämpfen. Tess McGill liest Zeitung (und People-Magazine, etwa The New York Post, was sich noch als entscheidend herausstellen wird), besucht Abendkurse, verwandelt sich auf der morgendlichen Fährfahrt von der Kleinstadt-Pomeranze zur taffen Wall-Street-Sekretärin, und ihre Turnschuhe für den Arbeitsweg tauscht sie im Büro gegen Highheels. Trotz aller Anstrengungen geht ihre Karriere jedoch nur seitwärts: von einem Cubicle zum nächsten, von einem anzüglichen Chef/Kollegen zum nächsten. Bis sie bei Katharine Parker (Sigourney Weaver als Biest) landet, die anders zu sein scheint. Aber auch Frauen in Führungspositionen können Nieten in Nadelstreifen sein. Katharine Parker gibt vor, auf der Beziehungsebene an ihrer Untergebenen interessiert und eine gute Chefin zu sein. Die falsche Schlange klaut dann aber – karrieregeil, wie sie ist – eine Idee, die Tess ihr vertrauensvoll angetragen hat.

Blick von der Staten Island Ferry: Fährverkehr in der Upper New York Bay ((c)Kevin Pieter Huthmann)

Durch einen Unfall und Beinbruch ausgebremst, kann Ms. Parker Tess aber nicht daran hindern, eine andere Persona anzunehmen inklusive distinguierter Föhnfrisur, Designerklamotten ihrer Chefin und einer von dieser entlehnten Sprechweise – und auf diese Weise ihre Idee selbst zum Leben zu bringen und einen Wall-Street-Deal zu lancieren. Dass Tess es als Chefin anders halten wird als ihre vorherigen Bosse, zeigt sich in der vorletzten Szene des Films, in der sie nun endlich auf der anderen Seite des Schreibtischs angekommen ist. Zu ihrer neuen Sekretärin sagt sie: „Bitte nennen Sie mich Tess. Ich erwarte nicht, dass Sie mir Kaffee bringen, außer, wenn Sie sich gerade selbst einen holen. Und der Rest wird sich zeigen.“

Tess McGill ist nicht einfach ein Jungspund, frisch von der Uni oder der Business School, wie in vielen anderen Filmen nach dem Wall-Street-Muster. Tess kommt von der anderen Seite der  Straße, von wo normalerweise kaum ein Weg ins Fensterbüro in einem Konzern führt. Dein Rock ist zu kurz? Deine Haare zu wild? Dein Make-up zu grell? Deine Stimme zu hoch? Dann vergiss es, hat sie gelernt. Aber damit findet sie sich nicht ab. Working Girl ist das role-model für all jene, die nicht mit dem Silberlöffel im Mündchen geboren wurden, deren Eltern ihnen keinen Platz an der Sonne reserviert haben und deren Umfeld vor allem auch nicht versteht, warum man/frau mehr wollen könnte als ein kuscheliges Heim und eine Ehe. Die in die Wiege gelegten Privilegien, die zu einem (geld-)sorgenfreien Studium an einer Eliteuniversität führten, findet eine Katharine Parker ganz selbstverständlich. Sie meint, sie habe auf alles ein Anrecht und sie habe sich das Erreichte selbst hart erarbeitet.[2] Diese Privilegien nicht zu haben, ist sich Tess sehr bewusst – und mit ihr die Zuschauer*innen, die sich in ihr wiedererkennen. Findet sich eigentlich auch jemand in Katharine Parker wieder?


Best Practice: Wie sind Sie darauf gekommen?

Klimax des Films ist die Szene, in der Wirtschaftsmogul Oren Trask in einem Elevator Pitch[4] aufzuklären versucht, woher die Idee für die Fusion kam, von der Tess McGill ihn (zusammen mit Jack Trainer) überzeugen will, und die ihre Chefin Katharine Parker als ihre eigene ausgibt. Wie Tess in diesem Moment glaubhaft erläutert, hatte sie einen Geistesblitz: Beim Lesen der Society-Seiten, wo sie ein paar Verbindungen herstellte, die man an keiner Business School lernt. „Ich lese viele verschiedene Sachen. Man weiß nie, woher eine große Idee kommt.“ („I read a lot of things. You never know where the big ideas could come from.”) Eine gute Maxime für alle, die kreative Einfälle haben und innovative Ideen durchbringen wollen, und die dabei nicht in Tess‘ Ausgangssituation geraten möchten.


Tipp: Die Magical History Tour

Im Berliner Kino Arsenal erlebte der Film im April 2019 eine Wiederaufführung: In der Reihe Magical History Tour ging es thematisch um Kleider in Bewegung – Kostüme, Stile und Mode im Film, was man an Tess‘ Metamorphose in der äußeren Erscheinung wie ihrer Stimme sehr gut nachvollziehen kann.


Working Girl (Die Waffen der Frauen). USA, 1988. Regie: Mike Nichols. Buch: Kevin Wade.

Oben der Vorspann von „Working Girl“: Die Staten Island Ferry auf ihrem Weg nach Manhattan, die Skyline mit den Twin Towers – zu Carly Simons oscarprämiertem Titelsong „Let the river run“. Unten der offizielle Trailer.

[1] Staten Island, der 5. Borough von New York City, das mit einer kostenlosen Fähre mit Manhattan und seiner Wall Street verbunden ist. Wie sich auf dieser Fähre die Kleinstadtfrauen bis heute jeden Morgen in Working Girls verwandeln, die Manhattan erobern, fängt der oscarnominierte Dokufilm „Ferry Tales“ (2003) von Katja Esson ein.

[2] Einige schlaue Gedanken und weiterführende Links zum Thema Privilegien und der Haltung, es sich selbst verdient zu haben, hier: https://www.bueronymus.de/privilegien-checken/ (abgerufen 25.12.2018)

[4] Lustigerweise findet hier der Pitch tatsächlich in einem Elevator, in einem Aufzug statt. Mit der Übung elevator pitch sollen sonst in der Tat Entrepreneure und solche, die es werden wollen, ihre Kern-Business-Story, ihr Alleinstellungsmerkmal, ihre durchschlagende Idee für ihr Gegenüber so kurz fassen, dass jeder es versteht und im besten Falle natürlich überzeugt ist. Dauer: So kurz wie eine Aufzugfahrt dauert.