Wer, wenn nicht ich?

In „Desk Set“ („Eine Frau, die alles weiß“) spielt Katharine Hepburn Bunny Watson, die Auskunftsbibliothekarin einer New Yorker Radiostation. Unermüdlich klingeln die Telefone und sie muss solche Fragen beantworten wie „Wie heißen die Rentiere von Santa Claus?“ oder „Wer schlug den home run im Spiel…?“ Was sie nicht sowieso aus dem Kopf herbeten kann, findet sie blind in einem Buch, das sie ebenso zielsicher aus dem Regal fischt. Bis zu dem Tag, als Spencer Tracy kommt und die komplette Abteilung durch einen Computer ersetzen will. Es ist das Jahr 1957.

Ich habe als Teenager mit diesem Film vieles gelernt: über die Arbeitswelt, die moralische Frage nach der Ersetzbarkeit des Menschen durch Maschinen wie auch über das Liebesleben einer unverheirateten 50jährigen Frau, die immer gute Miene macht. Ich wollte beruflich immer das tun, was sie tut, nur konnte ich mir erst keinen Reim draus machen, was sie eigentlich für einen Job hat – dass man dafür bezahlt wird!

Ich bin dann – viel später – Bibliothekarin geworden. Gearbeitet habe ich in Unternehmen, Redaktionen und Agenturen. Auch als Freelancerin und in einer Leitungsfunktion. Bunny Watson leitet ein Team mit 3 Mitarbeiterinnen, als Jugendliche ist mir das nicht aufgefallen. Aber wie sie ihr Team führt – das war wohl unbewusst mein Vorbild. Um zu werden wie ich bin.

Heute beschäftige ich mich in einem Unternehmen mit Fragen der Unternehmenskultur. Wenn man das tut, schaut man sich auch um, wie es woanders ist, man sucht Vorbilder und abschreckende Beispiele – auch auf der Leinwand.

Denn während all der Zeit habe ich Filme geguckt. Das macht man so in unserer Familie. Jeder hat dabei wohl andere Dinge, auf die er achtet. Mein Vater sucht das Fremde, die weite Welt. Mein Sohn guckt auf die Kameraführung. Ich habe es mehr mit Dialogen, mit Text. „Desk Set“ funkelt vor witzigen, geistreichen Dialogzeilen, und er ist für mich der Klassiker aus der Arbeitswelt. Er wirft heute, über 60 Jahre nach seiner Premiere und in Zeiten von Digitalisierung und bedingungslosem Grundeinkommen essentielle Fragen auf, wie wir in der Arbeitswelt und auch so miteinander umgehen wollen – und worin der Sinn unserer Arbeit besteht. Dem will ich an dieser Stelle weiter auf den Grund gehen.