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Quelle:
eRecht24

The Force Akwakens (2015)

Viele Abenteuer- und Katastrophenfilme erzählen vom Besten – und vom Schlechtesten – in der Arbeitswelt. Hier werden vormals stille, professionell agierende Chefs und andere Spezialisten unverhofft zu Helden, die selbstlos nicht nur ihre Mannschaft, sondern gleich die gesamte Galaxis zu retten versuchen. Andere verlassen als erste das sinkende Schiff, werden zu tobenden Berserkern (was der Mission selten hilft), verwandeln sich in gierige, berechnende, entmenschlichte Figuren, die die Nerven verlieren und fast immer die Rechnung in Form eines vorzeitigen Todes präsentiert bekommen. 

Kylo Ren, ein Epigone (und Enkel) des legendären schwarzen Lords Darth Vader, ist eigentlich ein schwacher, ein zweifelnder Anführer. Im ersten Teil der 3. Star-Wars-Trilogie The Force Awakens (Das Erwachen der Macht) ist er ein unsicherer Mittelmanager, der Rat und Anleitung des Obersten Anführers Snoke (visuell eine Mischung aus Lord Voldemort und Gollum) bedarf, um die jeweils nächsten Schritte zu gehen und nicht von der dunklen Seite abzuweichen. Sein Ziel, die Jedi-Rebellen endgültig zu zerschlagen, ist persönlich motiviert, was ihm manchmal – findet General Hux, Führungskraft unter Oberboss Snoke wie er – den Blick auf die angemessenen nächsten Schritte und Maßnahmen etwas verstellt.

Wachen, wo sind die Wachen? (c) Lucasfilm, via imdb.com

Kylo Ren tobt sich mit seinem Laserschwert öfter an lebloser Materie aus, wenn sich wieder einmal das ganze Universum – oder einfach ein paar Rebellen und Abtrünnige – gegen ihn verschworen zu haben scheinen. Die Sturmtruppler, die er rief – „Wachen! Wo sind die Wachen?“ – drehen da lieber nochmal ab, statt sich in das Auge des Orkans zu bewegen und weitere Befehle entgegenzunehmen.

Die Protagonisten von Das Erwachen der Macht aber sind die Schrottsammlerin Rey (Daisy Riley) und der abtrünnige Sturmtruppler Finn (John Boyega), der, als er Blut sieht, an der Ersten Ordnung zu zweifeln beginnt. Sie werden unfreiwillig in die Geschichte hineingezogen, sind sie doch die einzigen, die den Druiden BB-8 davor bewahren können, als Ersatzteillager umgenutzt oder von den Abgesandten der Ersten Ordnung verschleppt zu werden. BB-8 muss aber ins Rebellenlager, denn er bewahrt eine Karte auf, die angeblich den Weg zum verschollenen Jedi Luke Skywalker weist.

Das Heer namenloser Sturmtruppler der Ersten Ordnung, über die General Hux (visuelles Vorbild: Hitler) auf Weisung Snokes gebietet, sind aber sowieso nichts anderes gewöhnt, als angebrüllt und hin- und herkommandiert zu werden: immer mit Helm, austauschbar, von klein auf als Kanonenfutter ausgebildet, menschlicher Regungen anscheinend abhold.

Rey und Finn machen sich mit BB-8 auf den Weg, ihnen bleibt auch nicht viel anderes übrig, weil die Sturmtruppler hinter ihnen her sind und sie beschossen werden. Heldenmäßig geraten sie in eine Mission, mit der sie zunächst nichts zu schaffen hatten. Und sie tun das aus eigenem Antrieb, weil es das Richtige ist. Schon gemerkt? Sie machen das ohne Gehalt, Zielvereinbarung, ohne leistungsorientierte Vergütung, ohne Boss, der anweist, was sie als nächstes tun sollen. Helden*innen sind intrinsisch motiviert. Sie tun, was sie tun müssen, weil sie es können, weil sie die einzigen sind, die diese Mission zur Rettung der Galaxis erfüllen können.[1] Dabei gehören weder Rey noch Finn zunächst den Rebellen an, die die wechselnden diktatorischen Regierungen im Universum bekämpfen, und deren Anführerin General „Prinzessin“ Leia ist[2].

Han Solo (Harrison Ford), Schmuggler, „damals“ Freund von Luke (und Leia), ist auf einer anderen „Mission“ und hat ganz profan ein Speditionsbusiness, das ihn ernährt. Zunächst ist er eher auf der Flucht als auf einer Heldenmission, sind ihm doch ein paar finstere Gesellen auf den Fersen, die er in der Vergangenheit übervorteilt hat. Auf dem „Schrottplatz“, der Siedlung Jakku, hat er sein früheres Raumschiff, den Millennium-Falken, nicht aufgespürt; aber nun, wo Rey, Finn und BB-8 damit unterwegs sind, stößt er zu ihnen, nimmt es wieder in Besitz und schließt sich den jungen Helden an. Später, nachdem ihm Rey im Cockpit ein bisschen auf die Sprünge geholfen hat und sie ihren Verfolgern fürs Erste entkommen sind, sagt er zu ihr: „Ich überlege, meine Mannschaft zu vergrößern. … Ich wäre nicht nett zu dir. Die Bezahlung ist mies.“ – „Sie bieten mir einen Job an?“


Die ganze Galaxis verlässt sich auf uns!

Han Solo: What was your job when you were based here?

Finn: Sanitation.

Han Solo: Sanitation? Then how do you know how to disable the shields?

Finn: I don’t. I’m just here to get Rey.

Han Solo: People are counting on us. The galaxy is counting on us.

Finn: Solo, we’ll figure it out. We’ll use the Force.

Han Solo: That’s not how the Force works!

imdb.com (abgerufen 02.08.2019)

The Force Awakens (Das Erwachen der Macht). USA, 2015. Regie: J.J. Abrams, Buch: J.J. Abrams, Lawrence Kasdan, Michael Arndt

Der Trailer von The Force Awakens.

[1] Als der Millennium-Falke havariert, repariert Rey ihn. Aus dem Motorraum ruft sie: „Es ist der Motivator! Hol mir einen Harris-Schlüssel!“ Tja, ein Raumschiff braucht einen Motivator, um zu fliegen, ein Mensch auf einer Mission hat genügend eigenen Antrieb. Der ‚Motivator‘ wird im Star-Wars-Universum gern verwendet. Schon in Episode IV, A New Hope, stellt Luke, als er den Druiden R2D2 flott machen will, fest: „Dieser R2 hat einen defekten Motivator.“

[2] Carrie Fisher in ihrer letzten Rolle.

42nd Street (1933)

Julian Marsh ist ständig unzufrieden mit seinen Angestellten: Er brüllt sie täglich zusammen und sagt ihnen wütend, wie schlecht und untalentiert sie seien; er lässt sie rund um die Uhr arbeiten, so dass einige schon dabei einschlafen. Zudem frisst ihn eine tödliche Krankheit von innen auf. Dies ist sein finales Projekt, die Krone seines Schaffens, dies wird ihn überleben, daran wird man denken. Die Erwartungen sind entsprechend hoch.

Filmplakat 42nd Street
Filmplakat 42nd Street. „The Big Lebowski“ nimmt hierauf Jahrzehnte später Bezug (Traumszene).

Wen es zur Bühne oder auf die Leinwand zieht, muss ein solches Verhalten seines Arbeitgebers offenbar ertragen, das gehört dazu; davon handeln unzählige Filme, die in Hollywood oder am Broadway spielen. Julian Marsh (Warner Baxter) ist Regisseur und Produzent einer Broadway-Revue in der Mutter aller Revuefilme, 42nd Street (Die 42. Straße, 1933)[1].

Der Plot umfasst mehrere Handlungsstränge und leuchtet eine ganze Handvoll Figuren näher aus, ihre Träume, ihre Sorgen, ihre Nöte; auch das Topos „Besetzungscouch“ kommt hier vor. Regisseur Marsh, jähzornig, unzufrieden, nicht-wertschätzend, wird eher ertragen als respektiert, die Revuetänzerinnen brauchen den Job, es geht ums pure Existieren, nicht um Selbstverwirklichung. In diesem Existenz- und Konkurrenzkampf gibt es einen erstaunlichen Moment weiblicher Solidarität hinter der Bühne: Revuegirl Ann Lowell (Ginger Rogers mit dandyhaftem Monokel, damals noch in einer Nebenrolle; Ruby Keeler war der kommende Star, blieb es aber nicht) macht den verzweifelten Regisseur Marsh auf ihre Kollegin Peggy Sawyer (Keeler) aufmerksam – wenn jemand die Rolle der Hauptdarstellerin, die sich den Fuß gebrochen hat, übernehmen könne, dann nur Sawyer.

Natürlich gipfelt alles in einer Wahnsinns-Show mit sagenhaften Tanzszenen (Choreographien: Busby Berkeley), die Novizin packt ihre kurzfristige Umbesetzung nach einem Tag intensiver Einzelarbeit mit Marsh[2].

Der Film endet mit einer Szene am Theaterausgang: Der Regisseur, völlig erschöpft zusätzlich zu seiner Krankheit, bleibt alleine zurück, nachdem sich sonst verschiedentlich Mann und Frau gefunden haben. Die Theaterbesucher auf dem Heimweg sprechen über die Revue: Tolles Stück, aber was eigentlich der Regisseur dazu beigetragen habe. Sie sprechen damit aus, was die meisten Kinobesucher ahnungslos denken. Eine kleine Hommage an die Ermöglicher eines Gesamtkunstwerks.


42nd Street (Die 42. Straße). USA, 1933. Regie: Lloyd Bacon


[1] Das Viertel in Manhattan, wo sich 42. Straße, Broadway und Times Square treffen, ist der legendäre Theaterdistrikt New Yorks mit der größten Bühnendichte des Planeten.

[2] Regisseur Marsh „motiviert“ den Youngster auf seine Weise: „Sawyer, you listen to me, and you listen hard. Two hundred people, two hundred jobs, two hundred thousand dollars, five weeks of grind and blood and sweat depend upon you. It’s the lives of all these people who’ve worked with you. You’ve got to go on, and you’ve got to give and give and give. They’ve got to like you. Got to. Do you understand? You can’t fall down. You can’t because your future’s in it, my future and everything all of us have is staked on you. All right, now I’m through, but you keep your feet on the ground and your head on those shoulders of yours and go out, and Sawyer, you’re going out a youngster but you’ve got to come back a star!“  https://www.imdb.com/title/tt0024034/quotes/?tab=qt&ref_=tt_trv_qu , abgerufen 1.3.2019. Nicht jede/r kann mit so einem Druck umgehen.

Thank you for smoking (2005)

Ich bin Vermittler zwischen zwei Richtungen der Gesellschaft, die irgendwie versuchen, sich zu einigen.“ Nick Naylors (Aaron Eckhart) größtes Talent ist, dass er reden kann. Nick ist Lobbyist. Und er ist nicht einfach nur Pressesprecher eines x-beliebigen Industrieunternehmens, nein, er spricht für die tödlichste Branche überhaupt. Alkohol? Waffen? Da kann Naylor nur lachen. Er ist Lobbyist für die Tabakindustrie, die allein in den USA 1.200 Menschen am Tag umbringt. „Kennen Sie sonst jemanden, dem so viel Verachtung entgegenschlägt?“ Genauer gesagt ist er Sprecher der ‚Akademie für Tabakstudien‘. Die erforscht, finanziert von der Zigarettenindustrie, ob es einen Einfluss des Rauchens auf die Entstehung von Krebs gibt (der Wissenschaftler, den sie hierfür angeheuert haben, ein Deutscher, konnte nach Jahrzehnten immer noch keinen Zusammenhang feststellen). Damit lässt sich also gut argumentieren, wenn man in einem schrumpfenden Markt neue Kundengruppen gewinnen will. „Rauchende Teenager fallen auch nicht mehr vom Himmel“, flucht Naylors Chef B.R.

Der M.O.D.-Stammtisch – die Merchants of Death: Lobbyisten für Alkohol, Waffen, Tabak.

Warum Naylor ausgerechnet die Zigarettenindustrie promotet? „Jeder muss eine Hypothek abbezahlen“, beichtet er der Reporterin (Katie Holmes), die seine im privaten Rahmen vorgebrachten Anekdoten nicht vertraulich behandelt, sondern für eine sensationsheischende Story ausschlachtet. Denn auch sie muss eine Hypothek abbezahlen. Sie zieht in ihrem Artikel auch über seine Kollegen-Freunde von der T.A.G.[1] her, sein informelles Lobbyisten-Netzwerk, die einzigen anderen Menschen, die im Job und aus Überzeugung für Sachen eintreten, die nicht wirklich gesellschaftsfähig, gleichwohl aber weit verbreitet sind und von Millionen von Menschen genutzt werden: Polly Bailey, Alkohol-Lobbyistin, und Bobby Jay Bliss, Waffenlobbyist für S.A.F.E.T.Y.[2]

Thank you for Smoking nach dem gleichnamigen Roman von Christopher Buckley ist eine Reflexion über den Freiheitsbegriff, über staatlich verordnete Verbote und das Bild von Menschen als selbstbestimmte – oder zu reglementierende Wesen. Über die Aufgabe von Eltern, ihre Kinder zu erziehen und ihnen selbständiges Denken und Argumentieren beizubringen. Wie nur wenige andere Filme porträtiert Thank you for smoking darüber hinaus einen ganzen Berufsstand: den der Beschäftigten von Verbänden, und gar ihrer disponiertesten Vertreter, deren Sprecher. „Zu deinem Job gehört es, dass dich alle hassen“, weiß Nick (Aaron Eckhart). Zartbesaitetere Gemüter sollten ihre Berufswahl besser nochmal überdenken, wenn sie langfristig nicht zur Flasche, zur Zigarette oder zur Waffe greifen wollen. Denn in diesem Lobbyistenfilm geht es nicht um die hippen Leute, die sonst in Filmen immer in schicken PR- oder Werbeagenturen rumhüpfen oder wie Bridget Jones „mit ihrer Pressemitteilung rumwedeln“. Es sind Branchenvertreter, die wie Polly (Maria Bello) oder Bobby Jay eine quasi lebenslange enge Beziehung zu ihrem jeweiligen Produkt haben, oder wie Nick einfach gut reden und jeden überzeugen können. Und sie vertreten Branchen, die gesellschaftlich verpönt sind.[3]

Anders als in vielen Politthrillern mit Geheimabsprachen und rhetorischen Volten, bei denen man als Zuschauer*in und Nicht-Insider kaum den Überblick behält, kann man Nicks Arbeitsprozessen und seiner Argumentation gut folgen – und daraus lernen. Wenn er im Fernsehen einen alten John-Wayne-Film sieht, in dem dieser sich eine Fluppe ansteckt, beobachtet man ihn direkt beim Ideen-Ausbrüten und weiß in der nächsten Szene, dass er sie gleich vorbringen wird. Wenn er beim Gespräch mit dem „Captain“, dem Clanchef von Big Tobacco (Robert Duvall), merkt, dass sein Boss B.R. (J.K. Simmons) ihm diese Idee geklaut und als seine eigene ausgegeben hat, wartet man schon begierig, wie und ob er dagegen vorgehen und B.R. zur Rede stellen wird. Man bewundert ihn dann für seine rhetorischen Fähigkeiten, aber schließlich ist das ja sein Job: „Der Captain findet Ihre Idee toll, Hollywood-Schauspieler dafür zu bezahlen, dass sie in Filmen rauchen.“ „Meine Idee? Das war doch Ihre Idee“, stellt B.R. klar. „Dann muss der Captain etwas verwechselt haben. Er war jedenfalls sehr beeindruckt.“[4]

Nick Naylor ist Lobbyist, weil er das einfach gut kann, besser als alles, was er vorher gemacht hat. „Ich rede. Jeder hat irgendein Talent.“ Seine Waffe ist das gesprochene Wort, wenn er mal loslegt, kommt keiner heil davon. Er verspricht in einer TV-Show 50 Millionen Dollar für eine publicitywirksame Präventionskampagne, und wo er eben noch der Buhmann war, werden er (und seine Branche) jetzt bejubelt. Sogar den krebskranken, desillusionierten ehemaligen Marlboro-Mann bequatscht er, einen Koffer voll Geld anzunehmen, ohne Gegenleistung. „Wir gehen einfach davon aus, dass Ihr schlechtes Gewissen Sie davon abhält, sich schlecht über die Tabakindustrie zu äußern.“ Und obwohl er von seinem Arbeitgeber erst fallengelassen wird, erkennt er, dass er – frei nach Voltaire – auch künftig „die Wehrlosen verteidigen“, für alle „rechtlosen Unternehmer“ eintreten will, die „von ihren eigenen Konsumenten im Stich gelassen werden.“ Den Holzfäller, den Sweatshop-Fabrikanten, den Ölförderer, den Landminenhersteller, den Babyrobben-Mörder… Oder die Mobiltelefonhersteller, die er, inzwischen selbständig, mit seinen Naylor Strategic Relations berät: „Merken Sie sich das: Es gibt keinen bewiesenen Zusammenhang zwischen Mobiltelefonen und Gehirntumoren.“ Trotzdem würde er den Beruf nicht jedem empfehlen: „Das erfordert eine moralische Flexibilität, die die meisten Leute nicht haben.“

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Best Practice: Wie Sie sich Gehör verschaffen

In einem Vorstandsmeeting brüllt B.R. seine Leute zusammen, weil die Umsätze weiter sinken und eine zündende Idee fehlt, wie man diesen Trend wieder umkehren kann. Nick bleibt ruhig, freundlich und konstruktiv. Aber statt einfach dazwischenzuquatschen oder in den Verteidigungsmodus überzugehen, meldet er sich und fragt: „Darf ich mal, B.R.?“

Dann erhebt er sich, knöpft sein Jackett zu, und, um die Vorstandskollegen herumkreisend, malt er diesen plastisch das Bild vom alten Hollywood aus. Wie dort geraucht wurde, welche ikonischen Szenen dank einer Zigarette und des Rauchens zustandekamen, etwa die erste Begegnung von Lauren Bacall und Humphrey Bogart in „Haben und Nichthaben“. Die Botschaft ist klar: Es muss im Hollywoodfilm wieder mehr geraucht werden, das Rauchen wäre wieder cool, und dann müsste man sich auch keine Sorgen um den Absatz gerade bei der jungen Zielgruppe machen.

Wenn Sie etwas zu sagen haben: Bitten Sie um das Wort. Und dann nutzen Sie es, um eine Geschichte auszurollen, statt einfach nur einen Satz rauszuhauen. Entscheidend ist, dass Sie Ihre/n Gesprächspartner*in angewärmt haben, dass Sie ihn/sie um ein Einverständnis bitten, länger reden zu dürfen. Ohne eine entsprechend vorbereitete Bühne bleibt das, was Sie sagen, ungehört.

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Thank you for smoking (Danke, dass Sie hier rauchen). USA, 2005. B+R: Jason Reitman, Romanvorlage: Christopher Buckley


[1] T.A.G. – Tobacco, alcohol, guns, deutscher Slogan „tödlich, aber gut“. Im amerikanischen Original M.O.D., Merchants of Death, also Kaufleute des Todes.

[2] S.A.F.E.T.Y.: Society for the Advancement of Firearms and Effective Training for Youth

[3] Wobei Pressesprecher*in generell kein besonders gut beleumundeter Beruf ist. In der gesellschaftlichen Vorstellung haben im Grunde alle Unternehmen und Organisationen, sofern sie nicht Amnesty International, Greenpeace oder Brot für die Welt heißen, in irgendeiner Form Dreck am Stecken. Wenn man für sie spricht, ist es noch der mieseste Job, den man in einem Konzern haben kann, weil man dann den Dreck der Firma kaschiert und alles andere im falschen guten Licht darstellt. Da sind die Vertreter*innen der T.A.G.-Gruppe nur die Spitze des Eisbergs, die Vorhut der Kohorte.

Pressesprecher, PR-Mitarbeiter*innen und Lobbyist*innen in Verbänden werden meist in Umfragen nicht extra erfasst. Rechnet man sie der Werbebranche zu, so landen sie regelmäßig auf den letzten Plätzen vertrauenswürdiger Berufe (etwa in der GfK-Studie 2016, https://www.gfk-verein.org/compact/fokusthemen/weltweites-ranking-vertrauenswuerdige-berufe, abgerufen 26.12.2018): Nur ein Viertel der Bevölkerung vertraut ihnen. Schlechter schneiden nur noch Politiker*innen und Versicherungsvertreter*innen ab.

[4] Wie es beim Thema ‚Boss klaut Idee‘ auch laufen kann, dazu siehe 9 to 5 und Working Girl.

Topos: Die beste Freundin

Die Arbeitswelt im Film kommt ohne beste Freundinnen und engagierte Kolleginnen nicht aus. Sie zeigen durch ihre eigenen Erfahrungen auf, wie es für die Protagonistin auch hätte laufen können (Kleinstadt-Ehe, Sekretärinnen-Stuhl, Staten Island), außerdem dient sie natürlich als Dialogpartnerin für Schlagabtausch, Stimme des Gewissens, Vergewisserung.

Szenenfoto aus Working Girl: Die Sekretärinnen auf ihrer morgendlichen Fährfahrt nach Manhattan. Coypright 20th Century Fox
Beste Freundin Cusack (mit Kuchen). Die Sekretärinnen auf ihrer morgendlichen Fährfahrt nach Manhattan. ((c) 20th Century Fox)

Joan Cusack, die geborene actress in a supporting role, spielt in Working Girl Cynthia, die beste Freundin von Tess und Co-Sekretärin [1]. Sie fährt mit ihr nach Manhattan, geht aber statt in den Abendkurs lieber mit Freundinnen etwas trinken. Ihre Haare sind noch um einiges höher toupiert und ihr Lidschatten noch greller als der von Tess. Sie heiratet ihre Jugendliebe, Tess nicht. Sie weiß, wo ihr Platz ist: „Sometimes I sing and dance around the house in my underwear. Doesn’t make me Madonna. Never will.“ (imdb, 18.12.2018) Aber sie versteht am Ende auch am besten, wohin es Tess geschafft hat: In das Büro mit Fenster, fort aus dem Cubicle ohne Tageslicht.

Tess: [on the phone] Cyn! Guess where I am…

Cynthia: [stands up, screams to secretaries] She got out! Oh my god! I can’t believe it, she’s out – she made it out! She got out! She has her own office![2]

Keine beste Freundin, wohl aber eine unverzichtbare Assistentin: Zehn Jahre danach, in der Farce Grosse Point Blank – Ein Mann ein Mord (1997), spielt Joan Cusack erneut eine Sekretärin – aber was für eine! Hier ist sie Marcella, die tüchtige Assistentin eines Auftragsmörders (Cusacks Bruder John). Während ihr etwas depressiver Boss sich irrlichternd auf den Weg zur High School Reunion und einem letzten Auftrag in seiner Heimatstadt macht, hält sie den Laden zusammen: Bestellt Munition, staucht Dienstleister zusammen, richtet ihm Nachrichten und Aufträge aus und was man eben sonst noch so macht, wenn man einen Betrieb am Laufen hält. Ein ganz normaler Job. Zu dem auch gehört, auf sein Geheiß hin am Ende alles abzufackeln und das Geschäft aufzulösen.

Eine überaus unterstützende Freundin und Kollegin ist auch Zelda Fuller, gespielt von Octavia Spencer, in Shape of Water (2017). Ohne die Freundin, die im Alltag ihr Sprachrohr ist und diese mit Alibis versorgt, wenn sie nicht pünktlich die Stempeluhr bedienen kann, könnte die gehörlose Elisa Esposito (Sally Hawkins) das fantastische Unterwasserwesen, das in dem geheimen Versuchslabor der US-Regierung gefangen gehalten wird und in dem sie beide putzen, nicht befreien. 

Eine kongeniale Nebendarstellerin, Kollegin und beste Freundin ist Rosie O’Donnell in Sleepless in Seattle (Schlaflos in Seattle, 1993). Becky ist Annies (Meg Ryan) Chefin in der Redaktion und lässt diese ihre Geschichte um den rührenden Witwer Sam (Tom Hanks) im Radio weiterverfolgen[3]. Sie weint aber auch mit Annie vor dem Fernseher, als sie zusammen An Affair to remember (1957) schauen, und erörtert mit ihr, ob Annie sich Sam in eigener Sache, unabhängig von ihrer Zeitungsstory, nähern und ihren allergischen Verlobten in den Wind schießen soll.[4]

In Runaway Bride (Die Braut, die sich nicht traut, 1999) kommen mehrere Topoi dramaturgisch gesetzter Filmberufe zusammen. Rita Wilson gibt die taffe Ex-Frau und Chefredakteurin des Kolumnisten Ike Graham (Richard Gere), der seinen Job in letzter Zeit etwas zu lässig angeht. Sie hat ihm schon tausend Mal aus der Patsche geholfen, aber ist professionell dem ethischen, heißt fakten-gecheckten Journalismus verpflichtet und muss ihn nun vor die Tür setzen. Wir haben außerdem wieder die fidele Joan Cusack als beste Freundin, hier als Inhaberin eines Frisiersalons (und mit nettem Mann). Und Protagonistin Julia Roberts ist die patente Kleinstadt-Klempnerin, die den Eisenwarenladen der Familie führt und überall mit ihrer Rohrzange auftaucht, wo es klemmt.


Die beste Freundin
  • Working Girl (Die Waffen der Frauen). USA, 1988. Regie: Mike Nichols. Buch: Kevin Wade.
  • Grosse Point Blank: Ein Mann – ein Mord. USA, 1997. Regie: George Armitage. Buch: Tom Jankiewicz (u.a.)
  • Shape of Water – Das Flüstern des Wassers. USA, 2017. Buch & Regie: Guillermo del Toro.
  • Sleepless in Seattle (Schlaflos in Seattle). USA, 1993. Buch & Regie: Nora Ephron.
  • Runaway Bride (Die Braut, die sich nicht traut). USA, 1999. Regie: Garry Marshall. Buch: Josann McGibbon, Sara Parriott

[1] Bei den American Comedy Awards 1989 wurde sie dafür als Funniest Supporting Actress in a Motion Picture ausgezeichnet. (imdb, 18.12.2018)

[2] Imdb, 18.12.2018

[3] Chefin Becky (ohne Nachname) gehört also außerdem in die Kohorte der Mentorinnen-Chefinnen, insbesondere solchen auf Chefredakteurssesseln. Sie prüft, argumentiert und diskutiert mit Annie das Für und Wider ihrer Story und lässt sie machen, als sie überzeugt ist.

[4] Sowohl Zelda als auch Becky haben mit ihren jeweiligen Männern respektive Freunden übrigens nicht viel Glück; Zelda wird von ihrem geschlagen (dies ist allerdings auch eine Hollywood-Stereotype über schwarze Männer). Beckys Freund Rick taucht im Film nicht auf, dient aber als Referenzobjekt für einen Lebenspartner, der nur so lala ist – nicht zu vergleichen mit Witwer Sam aus Seattle oder einem Cary Grant aus An Affair to Remember (Die große Liebe meines Lebens, 1957). Auf den Leo McCarey-Film bezieht sich Schlaflos in Seattle an mehreren Stellen – etwa beim vereinbarten Treffpunkt auf dem Empire State Building, das hier aber tatsächlich stattfindet, und in der seeeeehr lustigen Szene, in der Rita Wilson unter Tränen die Story des Films erzählt – woraufhin sich Mann und Schwager über sie lustig machen.

„It’s a chicks‘ movie.“ Frauenfilme, Männerfilme… Rita Wilson – auf der anderen Seite des Tisches – erzählt den beiden Jungs die Schlüsselszene von An Affair to remember nach. Ohne Zweifel: Sie ist auch sehr oft eine „funny actress in a supporting role“. Hat ihre Figur hier einen Beruf? Oh!

The Apartment (1960)

C.C. „Bud“ Baxter (Jack Lemmon) ist die fleißige Arbeitsbiene in einer Versicherungsgesellschaft, der in einem dystopischen Großraumbüro[1] arbeitet und wie alle seine Kollegen endlose Zahlenreihen auf der Rechenmaschine produziert.

C.C.Baxter bei der Arbeit. ((c) The Mirisch Corporation via imdb.com.)

Harmoniebedürftig wie er ist, bietet er sich – wie sonst nur Frauen im Film – als ideales Opfer seines Chefs und weiterer übergeordneter Männer an: Der Junggeselle lebt allein und stellt sein Apartment öfters den verheirateten Abteilungsleitern zur Verfügung, die dieses für ein Stelldichein mit ihrer jeweiligen Geliebten nutzen. Er versucht immer wieder, ‚Nein‘ zu sagen, aber die Charmeure mit den Fensterbüros kriegen ihn noch jedes Mal wieder rum – und Baxter muss den Abend in einer Bar verbringen. Auch an Weihnachten.

Jack Lemmon war nicht nur als Filmpartner von Walter Matthau der ewig drangsalierte, sanfte, gutherzige, fast feminine Mann, etwa als Hildy Johnson[2] in Front Page (Extrablatt, 1974). In gleicher Weise setzte Tony Curtis sich ihm gegenüber immer durch („Wir setzen die Piepen auf Geölter Blitz, das kann gar nicht schiefgehen“), nutzte ihn aus und stahl ihm Blumen und ein Brillantarmband in Manche mögens’s heiß (1958), wo immerhin beide in Frauenkleidern für Furore sorgten und Lemmons ‚Daphne‘ am Ende einen Mann, genauer einen Lustmolch, heiraten wird.

Auch Billy Wilder setzte in Das Apartment (1960) wieder[3] auf Lemmon. Keiner verkörperte  den warmherzigen Underdog besser als er: Von allen getreten (neben seinen Bossen treten diverse Moralwächter auf den Plan, die ihn – unfair, unfair! – für Dinge verantwortlich machen, die nicht auf seine Kappe gehen), und von der Herzensdame wird er zugunsten eines Schufts übersehen. Dieser Baxter fungiert hier als Projektionsfläche für alle Männer (und Frauen), die nicht nur wie eine Maschine tagein, tagaus einen seelenlosen Job ausüben[4], sondern von ihren Chefs unter Vortäuschung möglicher Beförderungen, einer Gehaltserhöhung oder sonstiger Annehmlichkeiten dazu hinreißen lassen, Dinge zu tun, die sie nicht mit ihren eigenen Werten übereinbringen können. Bud Baxter wirft z.B. auch immer mal einen sanften Hinweis auf die armen betrogenen Ehefrauen in den Ring. Als sich herausstellt, dass sich sein Boss ausgerechnet mit Baxters Schwarm, Fahrstuhlführerin Fran Kubelik (Shirley MacLaine) trifft und sie auch noch sitzen lässt, bringt deren Selbstmordversuch in Baxters Apartment das Fass zum Überlaufen – und ihn final in Rage. Wenn er dann seinem Chef das letzte Mal entgegentritt, ist der kathartische Moment für die Zuschauer*innen gekommen: Baxter lässt sich nicht mehr alles gefallen. Jetzt ist Schluss. Baxter geht, wo wir bleiben.

Filmische Referenz I

In Disclosure (Enthüllung, 1994) von Barry Levinson läuft in einer Szene beim in der Firma Drangsalierten Tom (Michael Douglas) zuhause im TV eine Szene aus Das Apartment, in der gerade Chef Fred MacMurray Bud Baxter sublim unter Druck setzt. Eine passende Referenz aus der Arbeitswelt im Film. Wie weit würdest du gehen? Was lässt du dir alles gefallen? Schlägst du zurück? Tom schlägt zurück. Anders als Lemmons Bud Baxter macht er nicht nur einen aufrechten Abgang, sondern dreht den Spieß komplett um.

Filmische Referenz II

Die letzte Szene von Das Apartment spielt Silvester. Bud Baxter hat seinem Chef Sheldrake mit den vielen Versprechungen, dem Fensterbüro und der Position als rechte Hand den Job vor die Füße geworfen, weil dieser noch einmal sein Apartment für ein Stelldichein mit Fran Kubelik haben will. Nun ist Baxter allein zu Haus und packt seine Habe zusammen, er braucht einen Ortswechsel. Zur gleichen Zeit sitzt Fran Kubelik immer noch im guten Glauben in der Bar mit Personalchef Sheldrake, der ihr erzählt, dass Baxter ihm den Schlüssel zum Apartment verweigert habe, aus Prinzip und „schon gar nicht mit Miss Kubelik!“. Jetzt kapiert sie. Sie lässt Sheldrake dort sitzen und rennt auf die Straße, nimmt mehrere Blocks bis zum Apartment von Baxter (67th Street, Nr. 51, für 85 $ im Monat), um beim Mitternachtsschlag bei ihm einzufallen.

Nora Ephron erweist dieser Silvesterszene in „When Harry met Sally“ eine Referenz: Hier rennt Billy „Harry“ Crystal nach einer späten, plötzlichen Eingebung durch die Straßen New Yorks, um Punkt Mitternacht doch noch bei Meg „Sally“ Ryan anzukommen, die allein auf einem Silvesterball herumsteht.


The Apartment (Das Appartement, 1960), Regie: Billy Wilder. Buch: I.A.L. Diamond & Billy Wilder


[1] Billy Wilder arbeitete für diese Ansicht mit Illusionstricks, um aus einer schmalen Kulisse diese Großraumhölle mit Tiefenwirkung zu erzeugen.

[2] In der Screwballcomedy von 1940 von Howard Hawks war Hildy gleich eine Frau (Rosalind Russel). Der Arbeitsplatz Redaktion (und Reporter im Gericht) wird in beiden Filmen atemlos illustriert. Reporter dachten und sprachen wie gedruckt und diktierten ihre Story am Telefon. Der Chefredakteur in Front Page  – 1940 Cary Grant, 1974 Walter Matthau – gehört ausnahmsweise nicht zur Gattung der Mentoren im Chefsessel wie in vielen anderen Filmen, die in Redaktionen spielen. 

[3] Insgesamt arbeiteten Billy Wilder und Jack Lemmon 7 mal zusammen: Manche mögen’s heiß (1958), Das Apartment (1960), Das Mädchen Irma la Douce (1963), Der Glückspilz (1966), Avanti, Avanti! (1972), Extrablatt (1974) und Buddy, Buddy (1981)

[4] Der Blick ins Großraumbüro, in dem jeder nur ein Schreibtisch ist und kein Individuum, wurde seither immer wieder visuell zitiert, etwa in dem animierten Disney-Kurzfilm, in dem sich der Angestellte traut, vor seinem Tod ein bisschen zu leben, und z.B. in der Mittagspause surfen zu gehen.

Fett- und zuckerreich essen? Surfen gehen? Flirten? Einfach mal machen. Das Leben ist sowieso lebensgefährlich.

9 to 5 (1980)

Franklin M. Hart jr. sitzt auf seinem Posten, weil ihn ein Mann und eine Männerwelt dorthin gesetzt haben – und weil tüchtige Frauen die Arbeit tun. Er regiert seine Abteilung mit rigorosen Regeln: keine Familienfotos und Pflanzen am Arbeitsplatz, wer übers Gehalt spricht, fliegt. Er stellt seiner Sekretärin nach und gibt einen Verbesserungsvorschlag seiner Abteilungsleiterin als seinen eigenen aus. Wenn es um das geht, was andere für ihn tun können, beschwört er das „Teamwork“ (Kaffee holen, einen Schal, angeblich für die Gattin, besorgen), ansonsten sät er Zwietracht und Argwohn: teile und herrsche. Seine langjährige, wichtigste Abteilungsleiterin hält er mit der Aussicht auf eine Beförderung bei der Stange, um ihr diese dann doch im Hinblick auf Bob, der schließlich eine Familie zu ernähren habe, zu verwehren. Die alleinerziehende Witwe Violet mit ihren vier Kindern hat mal wieder das Nachsehen.

Filmplakat von "9 to 5"
Filmplakat von „9 to 5“. © 1980, 20th Century Fox

Franklin M. Hart jr. ist die klassische Niete in Nadelstreifen, eine Witzfigur. Er sitzt sich den Hintern auf seinem allerdings wackligen Bürostuhl platt und feilt an persönlichen Intrigen, wie er seine Sekretärin Doralee doch noch rumkriegen könnte (während er überall schon rumerzählt hat, dass sie seine Geliebte sei). Neuling Judy, die ihr Leben lang nicht außerhalb des Heims gearbeitet hat und mit dem modernen Fotokopierer nicht klar kommt, herrscht er an: „Das schafft doch jeder Idiot!“ Was er eigentlich fachlich tut oder führungstechnisch vollbringt, bleibt unerzählt. Er stellt im Grunde nur stumpfe Regeln auf, die sein Bürodrache und -spitzel, Büroleiterin Roz, beflissen durchzusetzen hilft. Die anderen Frauen, die allesamt den Job dringend brauchen, beißen die Zähne zusammen. It’s a (rich) men’s world.

9 to 5 (Warum eigentlich … bringen wir den Chef nicht um?, 1980) ist die Mutter aller Filme über unfähige Bosse und miese Bürojobs. Der Titelsong von Dolly Parton, der die Falle eines versklavenden Bürojobs von 9 bis 5 besingt, wurde die Hymne der Bürogeplagten. Dolly Parton spielt selbst eine der Hauptrollen: Sie veranschaulicht hier als Vorfahrin von Bürovorsteherin Joan aus der Serie Mad Men als Doralee Rhodes, dass ein gut gefülltes Dekoletté keine Einladung an einen Mann ist, dort hinzulangen oder auch nur hinzuschmulen. In einer Phantasieszene dreht sie den Spieß auch um. Hier zeigt der Film pfiffig, wie es sich anfühlt, wenn Mann als Sexobjekt missbraucht wird und „sich nicht so anstellen“ soll. Vor allem, wenn die Machtverhältnisse ebenfalls umgedreht sind und sich der Niedriggestelltere aus Jobangst nicht traut, sich zu wehren.

9 to 5 ist auch deswegen ein Film, der die scheinbar festgefügten Geschlechterrollen in der Arbeitswelt der frühen 1980er Jahre thematisiert und für uns dokumentiert. Neben sexueller Anzüglichkeit und Machtmissbrauch sind das ungleiche Löhne für Männer und Frauen, bevorzugte Beförderung von Männern, Abwertung von weiblichen Beschäftigten als private Servicekräfte (private Besorgungen erledigen, Blumen für die Gattin, Kaffee holen).

Besonders die Beförderung eines Mannes, der weniger lange im Unternehmen ist als die Frau, die schon so lange prädestiniert für eine Beförderung ist und sich im Betrieb auskennt wie in ihrer Westentasche, folgt den Argumenten, die bis heute zum gender pay gap beitragen: Dem Boss oben scheint das irgendwie vertrauter zu sein[1], er glaubt auch, dass dies die Kunden so erwarten würden, und er argumentiert, Alleinverdiener Bob müsse ja eine Familie ernähren – was für die unterlegene Violet (Lily Tomlin) nebenbei ebenso gilt. Mal abgesehen davon, dass sonst beim Gehalt und bei der Beförderung immer das Leistungsprinzip bemüht wird und man nicht von privaten konsumtiven Erfordernissen sprechen soll.

Dass Bosse die Ideen ihrer Mitarbeiter*innen als ihre eigenen ausgeben, kann auch Männern passieren. Hier ist es die Frau, die einen Verbesserungsvorschlag vorlegt, der „20 Prozent Einsparungen“ bringen würde. Ihr Boss schickt sie weg, angeblich müsse der Vorschlag noch nachgebessert werden. Dabei hat er die Idee bereits an seinen eigenen Boss weitergegeben und kassiert bei nächster Gelegenheit großes Lob für seine vorbildliche Innovationsbereitschaft. Violet ist zwar in diesem Moment dabei, verkneift sich aber im Hinblick auf die versprochene Beförderung, dagegen vorzugehen. Als ihr diese dann wieder verwehrt wird, ist das Fass übergelaufen. So wie bei Doralee, die erfährt, warum sie von den Kolleginnen gemieden wird: die denken wegen seiner Anspielungen, Doralee habe etwas mit ihrem Chef. Oder bei Judy (Jane Fonda), die sich wegen der Entlassung einer Kollegin empört und findet, dass man sich verbünden und zusammenschließen müsse, „um sich zu beschweren“. Tja, aber bei wem?

Filmszene aus 9 to 5 (20th Century Fox)
Büroszene aus „9 to 5“ nach der Verwandlung. © 1980, 20th Century Fox

Doralee, Violet und Judy haben jeweils eigene Beweggründe, warum sie ihrem Boss (Dabney Coleman) am liebsten den Hals umdrehen würden. Durch eine Kette slapstickartiger Verwicklungen landet dieser schließlich im mehrwöchigen Hausarrest, indes seine drei Mitarbeiterinnen das Büro nach ihren humaneren Ideen umgestalten. Mit seiner gefälschten Unterschrift veranlassen sie eine bunte Büromöblierung und erlauben die persönliche Arbeitsplatzverschönerung mit Pflanzen und Familienfotos. Sie führen gleiche Gehälter für Männer und Frauen ein, gründen einen Betriebskindergarten, ermöglichen Teilzeitarbeit (eigentlich Job-Sharing[2]) und Gleitzeit, gründen ein Alkoholiker-Rehabilitationsprogramm und schaffen die Stechuhr ab. Am Ende ist die Belegschaft diverser, wohlgelaunter und gesünder als vorher: Es gibt nun farbige Mitarbeiter*innen, einen Mitarbeiter im Rollstuhl und Mitarbeiter*innen, denen eine Vollzeitstelle zu viel war, können jetzt Beruf und Familie besser vereinen. Insgesamt fehlen die Mitarbeiter*innen weniger als zuvor UND die Abteilung kann eine 20%ige Produktivitätssteigerung vorweisen.

Genugtuung für Subalterne: Während der mehrwöchigen Abwesenheit des Bosses vermisst diesen keiner wirklich: Es will ihn bis auf seine Büroleiterin niemand persönlich treffen. Alle Anrufer*innen können vertröstet werden. Und so kann das subversive, informelle Chefinnen-Kollektiv aus dem Team heraus führen, die Arbeitswelt gestalten und den Laden schmeißen. Viele Angestellte weltweit werden sich hier wiederfinden: Die Arbeit könnte so schön sein, wenn man einfach nur seine Arbeit machen dürfte, und der Boss wird eigentlich nur für seine Unterschrift benötigt, damit alles am Laufen bleibt.

Am Ende kassiert wieder der Boss die Belobigung für seine innovativen Ideen, die zudem noch zu Ergebnisverbesserungen führten. Der Aufsichtsratsvorsitzende, vor dem auch der Oberboss kuscht, kommt zu Besuch und lässt sich von Violet (jetzt plötzlich für Hart „so etwas wie meine rechte Hand“) erläutern, was es alles mit den Neuerungen im Büro auf sich hat – und inwiefern sich diese auf die Zufriedenheit der Mitarbeiter*innen ausgewirkt haben.

Doralee: „Die Leute fehlen nicht mehr so oft. Man findet es großartig.“

Franklin: „Tatsächlich? Mir gefällt es nicht, und ich hab hier das Sagen.“
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Wenn auch die drei Frauen wieder keine Lorbeeren ernten können, so wird ihnen zumindest ihr Boss weggelobt: Eine Beförderung, auf einen Auslandsposten in Brasilien. „Teamarbeit,  Teamarbeit, darauf kommt es immer an. Dorthin gehen, wo man gebraucht wird… Ein ‚Nein‘ als Antwort gibt es bei mir nicht.“

Vorher soll er aber noch die Sache mit den gleichen Gehältern zurücknehmen, das sei ja etwas zu viel und nicht nötig. Schade. Eine Drehbuch-Geste in die Richtung aller (männlichen) Arbeitgeber und Unternehmensführer?

Wer hält an Ihrem Arbeitsplatz eigentlich den Laden am Laufen?

In modernen Unternehmen erodiert die einstmals strenge hierarchische Ordnung mehr und mehr. Eine Vielzahl von Aufgaben wird heute in Projekten erledigt, speziell alles, das mit ‚Change‘ zu tun hat. Die Leitung übernimmt jemand, der nicht zwangsläufig in der Hierarchie oben steht oder auf die Projektmitarbeiter*innen personell  durchgreifen kann, sondern fachlich die beste Passung mitbringt. Geführt wird mittels Vision, Soft Skills und allgemeinen Führungsqualitäten. Es gibt auch Unternehmen, die Führung komplett abgeschafft haben und im Arbeitnehmer*innen-Kollektiv Entscheidungen fällen.  Im Arbeitsalltag treffen Angestellte heute viele Entscheidungen, ohne noch einen Boss zu konsultieren. 


9 to 5 (Warum eigentlich … bringen wir den Chef nicht um?). USA, 1980. Regie: Colin Higgins. Buch: Colin Higgins, Patricia Resnick


[1] Wir reden inzwischen in Deutschland vom „Thomas-Prinzip“: Thomas stellt Thomas ein, was bedeutet, einen mittelalten weißen Mann, Wirtschaftswissenschaftler wie man selbst, in der Baby-Boomer-Zeit der 1960er Jahre geboren. Da weiß man, was man hat. Es gibt laut dem Jahresbericht 2018 der deutsch-schwedischen AllBright-Stiftung in den Vorständen deutscher Großunternehmen (DAX-Unternehmen) mehr Menschen, die Thomas oder Michael heißen, als Menschen, die Frauen sind (oder aus Ostdeutschland kommen. Oder beides). http://www.allbright-stiftung.de/allbright-berichte

[2] ‚Teilzeit‘ ist die generische Bezeichnung für eine individuelle Stundenreduzierung – nicht automatisch ‚halbtags‘ – in Bezug auf eine Vollzeitstelle. In der Regel bedeutet dies, dass die/der Arbeitnehmer*in seine/ihre Arbeit dann in dieser verringerten Zeit erledigt, oder – wenn mehrere Arbeitnehmer*innen auf Teilzeit gehen – neue Stellen geschaffen werden, die diese Stundenanteile übernehmen. ‚Job-Sharing‘ hingegen bezeichnet eine enge Zusammenarbeit von zwei Menschen, die sich eine Stelle teilen (ggfs. auch mit einem höheren Stundendeputat). In 9 to 5 ist die Rede von zwei Kolleginnen, von denen die eine vormittags und die andere nachmittags am gleichen Schreibtisch Platz nimmt.

Laut einer nicht-repräsentativen Studie der Job-Sharing-Plattform Tandemploy (https://www.tandemploy.com/de/blog/jobsharing-deutschland-2/, abgerufen 9.12.2018) 2013 nutzen 11% der deutschen Unternehmen das Mittel des Job-Sharings, um den Wünschen ihrer Mitarbeiter*innen wie Führungskräfte nach größerer Flexibilität und Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu begegnen.

Desk Set (1957)

Es weihnachtet sehr im Reference Department. Foto der Co-Workers Joan Blondell und Katharine Hepburn in "Desk Set".  Copyright 20th Century Fox via www.imdb.com
Es weihnachtet sehr im Reference Department. Co-Workers Joan Blondell und Katharine Hepburn in „Desk Set“. ((c) 20th Century Fox via imdb.com)

Bunny Watson ist die Chefin, die wohl jeder gerne hätte. Sie weiß, wie die Rentiere von Santa Claus[1] heißen und kann sich merken, wie viele Leute in Chappaqua aus dem Zug gestiegen sind[2]. Sie pumpt ihren Mitarbeiterinnen kleinere Geldbeträge, denkt ans Weihnachtsgeld für den Botenjungen und passende Geschenke für alle im Büro. Sie unterhält mit Sekretärinnen[3]anderer Abteilungen gute Beziehungen, und hat deswegen manches Mal den einen oder anderen Informationsvorsprung. An Weihnachten geht sie mit ihren Mädchen auch mal in die Nachbarabteilung, um gemeinsam zu tanzen und zu feiern. Über alldem sind ihre Antennen auf kleinste Anzeichen von Missstimmungen im System geeicht, und Gerüchten, die die Arbeitsplätze ihrer Mitarbeiterinnen betreffen, geht sie auf den Grund.

Auskunftsbibliothekarin Bunny Watson ist fachlich Spitze, pflegt zu jeder ihrer drei Mitarbeiterinnen eine persönliche Beziehung (sie sieht den Menschen und nicht nur die Arbeitskraft[4]), unterstützt sie fachlich und sie sorgt für eine freundliche Unternehmenskultur in ihrer Abteilung. Sie ist dabei die typische Mittelmanagerin: Sie versteht sich als Kollegin und erste Arbeitsbiene im Team, während sie sich gleichzeitig mit Raffinesse für den Erhalt der Arbeitsplätze ihrer Mitarbeiterinnen stark macht. Ihr Boss ist eine charmante Null, dem sie regelmäßig den Hals rettet. Dadurch macht er Karriere, während sie fast wegrationalisiert wird. Die vielen Stunden, die sie von früh bis spät im Büro verbringt, bemerkt keiner; kommt sie dagegen einmal spät von einem Termin, muss sie sich rechtfertigen.

Sie weiß, dass sie sich auf ihre Mitarbeiterinnen verlassen kann. Diese halten ihr den Rücken frei und greifen auch mal zu kleinen Notlügen, wenn es sein muss. Sie engagieren sich dafür, dass der Laden läuft und geben ihr Bestes. Dieses Team hält zusammen und bringt gemeinsam beste Resultate. Ein Arbeitsplatz zum Wohlfühlen.


Das Setting von Eine Frau, die alles weiß (Desk Set, 1957) [5] ist die Auskunftsabteilung einer im New Yorker Rockefeller Center gelegenen Radiostation. Hier regiert Abteilungsleiterin Bunny Watson (Katharine Hepburn), unverheiratet, aber langzeitliiert, mit intelligenter, mütterlicher Hand.


Die gleichaltrige Peg Costello (Joan Blondell)[6] ist nicht nur Kollegin, sondern beste Freundin. Bunny Watson und ihre Mitarbeiterinnen greifen aus dem Gedächtnis, durch Befragung von Experten und anhand einer großen Freihandbibliothek auf alle Informationen zu, die Menschen heute bei Wikipedia nachschlagen, und die die Radioredakteure im Haus so benötigen. An Weihnachten sind es eben auch die Rentiere von Santa Claus.

In dieses fröhliche Idyll platzt der kauzige Ingenieur[7] Richard Sumner (Spencer Tracy), der prüfen soll, inwiefern das von ihm erfundene Elektronengehirn[8], mit dem wichtigsten Wissen der Welt gefüttert, die Arbeit der Frauen erleichtern – oder überflüssig machen – könnte. Dafür interviewt und prüft er wochenlang die Mitarbeiterinnen der Auskunftsabteilung. Die aber wissen nicht, was er da treibt und warum, weil eine entsprechende Information seitens des Oberbosses vorsätzlich[9] ausgeblieben ist. Als auch noch durch einen Computerfehler (!) statt eines Gehaltschecks jede Kollegin ihre Kündigung erhält, gehen sie in den gepflegten Angriff über, der die Überlegenheit ihres menschlichen Geistes über die Funktionen eines Rechners zeigen soll.

Eine Frau, die alles weiß ist ein Weihnachtsfilm, der viele bis heute relevante Themen aus der Arbeitswelt aufgreift und mit den Mitteln der Komödie bearbeitet:  Digitalisierung (!), Rationalisierung und Angst vor Jobverlust; Mensch versus Maschine; top-down-Entscheidungen und fehlende Information der Menschen an der Basis; produktivitätslähmende Gerüchteküche; gravierende Missverständnisse durch Kommunikationsmängel; Nieten in Nadelstreifen. Dazu ein kleiner Seitenhieb auf den autistisch wirkenden Wissenschaftler, und auf Männer, die Karriere machen, weil eine Frau regelmäßig die herausragende Facharbeit liefert[10]. Und über allem die strahlende Heldin, unsere Identifikationsfigur, die ordentlich gebeutelt wird – natürlich auch in der Liebe -, dabei aber warmherzig zu und engagiert für ihre Untergebenen bleibt und verantwortungsbewusst im Job und gegenüber ihrem wuchernden Philodendron.

Chef*innen aller Ebenen bekommen in diesem weihnachtlichen Bürokosmos anschaulich vorgeführt, wie man es anstellt, eine gute Chef*in zu sein (und was man tunlichst unterlassen sollte). Gute*r Chef*in definieren wir nach ihrer/seiner Wirksamkeit so: Die Mitarbeiter*innen kommen gerne zur Arbeit, sie reißen sich für die gemeinsame Sache beide Beine aus[11] und kooperieren im Sinne der besten Resultate miteinander, sie lernen und lassen sich helfen, bringen Ideen und Zweifel ein. Sie sehen Sinn in ihrer Arbeit und gehen dieser enthusiastisch nach. Vor allem aber glauben sie, mit ihrer Arbeit einer großen, wichtigen Aufgabe zu dienen.[12] Bei den Mitarbeiterinnen von Bunny Watson ist offensichtlich, dass sie sich emotional an ihre Chefin und mit ihr an ihre Aufgabe und den Arbeitgeber gebunden fühlen.

Haben Sie eine Bunny Watson zur Chefin? Oder sind Sie gar eine?

Das Beratungsunternehmen Gallup kommt in seiner jährlich erscheinenden Studie zur Mitarbeiterbindung (Employee Engagement) regelmäßig zu dem Ergebnis, dass nur 15 % aller Mitarbeiter*innen eine hohe emotionale Bindung an ihr Unternehmen haben (70%: geringe Bindung, 15%: keine Bindung)[13] . Und seit Gallup seine Studie in Deutschland durchführt, seit 2001, sind wir in Sachen Mitarbeiterbindung nicht vorangekommen. Haben Sie an Ihrem Arbeitsplatz auch schon einmal gehört (oder gesagt): „Reisende soll man nicht aufhalten“, wenn ein*e Mitarbeiter*in kündigte? Oder dass Bindung oder Freundschaften in die private Sphäre gehören und am Arbeitsplatz keinen Wert besäßen? Würde man aber Fehlzeiten, Fluktuation, Fachkräfteschwund, mangelnde Leistung, geringe Weiterempfehlungsrate, ausbleibendes „Markenbotschafter“-Engagement fürs eigene Unternehmen und ähnliches in Key Performance Indicators (KPI) und in betriebswirtschaftliche Kosten verwandeln und darüber Stakeholdern aller Art Auskunft geben (müssen), würde sich zeigen: Bunny Watson hat mit ihrem Team die Nase vorn. Und zwar nicht nur vor dem Computer.

Richard Sumner: „Die Maschine ist dazu da, den Arbeiter zu entlasten von dem täglichen Kleinkram, damit er seinen Kopf für wichtigere Dinge freihat“.

Bunny Watson: „Man kann jedoch sagen, dass der Menschheit in Zukunft viel Muße gegeben wird.“


Auskunftsbibliothekar*innen

Es gibt bis heute Auskunftsbibliothekare in Bibliotheken, die durch den Informationsdschungel leiten, ebenso wie Dokumentar*innen und Archivar*innen in Sendern, Redaktionen und Verlagen. Sie alle erschließen Informationen, Materialien und Medien aller Art, die eigentlich für jeden im Internet frei verfügbar zu sein scheinen.  


Desk Set (Eine Frau, die alles weiß). USA, 1957. Regie: Walter Lang. Buch: Henry & Phoebe Ephron

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[1] Neben Rudolph mit der roten Nase Dasher, Dancer, Prancer, Vixen, Comet, Cupid, Donner und Blitzen.

[2] 9

[3] Bunny Watson als Abteilungsleiterin ist ein Einhorn unter den Mitarbeiter*innen der Federal Broadcasting Company. Außer ihr und ihrem Team im ‚Reference Department‘ sind alle anderen berufstätigen Frauen in diesem Film Sekretärinnen.

[4] Diese Aussage wird gerne in Mitarbeiterzufriedenheitsbefragungen erfragt, etwa Great Place to Work©.

[5] Das Drehbuch stammt von Henry und Phoebe Ephron. Die Eltern von Rom-Com-Regisseurin und Autorin Nora Ephron und ihrer 3 Autorinnen-Schwestern Delia, Amy und Hallie haben Jahrzehnte als Team gemeinsam Drehbücher geschrieben.

[6] Die Imdb vermerkt, dass Joan Blondell häufig als „wisecracking working girl“ und beste Freundin der Hauptdarstellerin besetzt wurde, die flapsige Bemerkungen macht – so auch hier. Ihre Epigonin in dieser Funktion im Film der 1980er und 1990er Jahre ist Joan Cusack (Working Girl).

[7] „Ach, ist das sowas wie ein Rationalisierungsfachmann?“ – „Das ist heute eine überholte Bezeichnung.“

[8] IBM sponserte den Film, wie man im Vorspann deutlich erkennt. Auch kommt Bunny Watson morgens später, weil sie auf der Präsentation eines Superhirns bei IBM war.

[9] Senderchef Azai: „Ich halte es für besser, wenn man sie nicht mit Dingen belastet, so lange sie nicht spruchreif sind. Es ist lebenswichtig, dass die Sache geheim bleibt.“

[10] Senderchef Azai: „Mike Cutler ist der Boss, aber sie leitet die Abteilung.“

[11] Ruthie: „Ich bleibe gerne jeden Abend länger hier, wenn Sie irgendetwas für mich zu tun haben.“

[12] Das Beratungsunternehmen Gallup sagt dazu z.B.: „Unternehmen brauchen Mitarbeiter als Markenbotschafter, die sich voll und ganz an ihrem Arbeitsplatz einbringen und sich mit dem Unternehmen und seinen Werten identifizieren. Sie benötigen Manager, die ausgezeichnet führen und eine Kultur des Vertrauens und der Transparenz aufbauen können.“ https://www.gallup.de/home.aspx, abgerufen 30.11.2018

[13] https://www.gallup.de/183104/engagement-index-deutschland.aspx (abgerufen 30.11.2018)

Wer, wenn nicht ich?

In „Desk Set“ („Eine Frau, die alles weiß“) spielt Katharine Hepburn Bunny Watson, die Auskunftsbibliothekarin einer New Yorker Radiostation. Unermüdlich klingeln die Telefone und sie muss solche Fragen beantworten wie „Wie heißen die Rentiere von Santa Claus?“ oder „Wer schlug den home run im Spiel…?“ Was sie nicht sowieso aus dem Kopf herbeten kann, findet sie blind in einem Buch, das sie ebenso zielsicher aus dem Regal fischt. Bis zu dem Tag, als Spencer Tracy kommt und die komplette Abteilung durch einen Computer ersetzen will. Es ist das Jahr 1957.

Ich habe als Teenager mit diesem Film vieles gelernt: über die Arbeitswelt, die moralische Frage nach der Ersetzbarkeit des Menschen durch Maschinen wie auch über das Liebesleben einer unverheirateten 50jährigen Frau, die immer gute Miene macht. Ich wollte beruflich immer das tun, was sie tut, nur konnte ich mir erst keinen Reim draus machen, was sie eigentlich für einen Job hat – dass man dafür bezahlt wird!

Ich bin dann – viel später – Bibliothekarin geworden. Gearbeitet habe ich in Unternehmen, Redaktionen und Agenturen. Auch als Freelancerin und in einer Leitungsfunktion. Bunny Watson leitet ein Team mit 3 Mitarbeiterinnen, als Jugendliche ist mir das nicht aufgefallen. Aber wie sie ihr Team führt – das war wohl unbewusst mein Vorbild. Um zu werden wie ich bin.

Heute beschäftige ich mich in einem Unternehmen mit Fragen der Unternehmenskultur. Wenn man das tut, schaut man sich auch um, wie es woanders ist, man sucht Vorbilder und abschreckende Beispiele – auch auf der Leinwand.

Denn während all der Zeit habe ich Filme geguckt. Das macht man so in unserer Familie. Jeder hat dabei wohl andere Dinge, auf die er achtet. Mein Vater sucht das Fremde, die weite Welt. Mein Sohn guckt auf die Kameraführung. Ich habe es mehr mit Dialogen, mit Text. „Desk Set“ funkelt vor witzigen, geistreichen Dialogzeilen, und er ist für mich der Klassiker aus der Arbeitswelt. Er wirft heute, über 60 Jahre nach seiner Premiere und in Zeiten von Digitalisierung und bedingungslosem Grundeinkommen essentielle Fragen auf, wie wir in der Arbeitswelt und auch so miteinander umgehen wollen – und worin der Sinn unserer Arbeit besteht. Dem will ich an dieser Stelle weiter auf den Grund gehen.

Working Girl (1988)

Melanie Griffith ist der Inbegriff des Working Girls im titelgebenden Working Girl – Die Waffen der Frauen (1988) – eine Ikone der 1980er. Durch Herkunft, Familie, Freund und Wohnsitz[1] förmlich zu Boden gezogen, versucht sie doch, sich den Weg nach oben zu erkämpfen. Tess McGill liest Zeitung (und People-Magazine, etwa The New York Post, was sich noch als entscheidend herausstellen wird), besucht Abendkurse, verwandelt sich auf der morgendlichen Fährfahrt von der Kleinstadt-Pomeranze zur taffen Wall-Street-Sekretärin, und ihre Turnschuhe für den Arbeitsweg tauscht sie im Büro gegen Highheels. Trotz aller Anstrengungen geht ihre Karriere jedoch nur seitwärts: von einem Cubicle zum nächsten, von einem anzüglichen Chef/Kollegen zum nächsten. Bis sie bei Katharine Parker (Sigourney Weaver als Biest) landet, die anders zu sein scheint. Aber auch Frauen in Führungspositionen können Nieten in Nadelstreifen sein. Katharine Parker gibt vor, auf der Beziehungsebene an ihrer Untergebenen interessiert und eine gute Chefin zu sein. Die falsche Schlange klaut dann aber – karrieregeil, wie sie ist – eine Idee, die Tess ihr vertrauensvoll angetragen hat.

Blick von der Staten Island Ferry: Fährverkehr in der Upper New York Bay ((c)Kevin Pieter Huthmann)

Durch einen Unfall und Beinbruch ausgebremst, kann Ms. Parker Tess aber nicht daran hindern, eine andere Persona anzunehmen inklusive distinguierter Föhnfrisur, Designerklamotten ihrer Chefin und einer von dieser entlehnten Sprechweise – und auf diese Weise ihre Idee selbst zum Leben zu bringen und einen Wall-Street-Deal zu lancieren. Dass Tess es als Chefin anders halten wird als ihre vorherigen Bosse, zeigt sich in der vorletzten Szene des Films, in der sie nun endlich auf der anderen Seite des Schreibtischs angekommen ist. Zu ihrer neuen Sekretärin sagt sie: „Bitte nennen Sie mich Tess. Ich erwarte nicht, dass Sie mir Kaffee bringen, außer, wenn Sie sich gerade selbst einen holen. Und der Rest wird sich zeigen.“

Tess McGill ist nicht einfach ein Jungspund, frisch von der Uni oder der Business School, wie in vielen anderen Filmen nach dem Wall-Street-Muster. Tess kommt von der anderen Seite der  Straße, von wo normalerweise kaum ein Weg ins Fensterbüro in einem Konzern führt. Dein Rock ist zu kurz? Deine Haare zu wild? Dein Make-up zu grell? Deine Stimme zu hoch? Dann vergiss es, hat sie gelernt. Aber damit findet sie sich nicht ab. Working Girl ist das role-model für all jene, die nicht mit dem Silberlöffel im Mündchen geboren wurden, deren Eltern ihnen keinen Platz an der Sonne reserviert haben und deren Umfeld vor allem auch nicht versteht, warum man/frau mehr wollen könnte als ein kuscheliges Heim und eine Ehe. Die in die Wiege gelegten Privilegien, die zu einem (geld-)sorgenfreien Studium an einer Eliteuniversität führten, findet eine Katharine Parker ganz selbstverständlich. Sie meint, sie habe auf alles ein Anrecht und sie habe sich das Erreichte selbst hart erarbeitet.[2] Diese Privilegien nicht zu haben, ist sich Tess sehr bewusst – und mit ihr die Zuschauer*innen, die sich in ihr wiedererkennen. Findet sich eigentlich auch jemand in Katharine Parker wieder?


Best Practice: Wie sind Sie darauf gekommen?

Klimax des Films ist die Szene, in der Wirtschaftsmogul Oren Trask in einem Elevator Pitch[4] aufzuklären versucht, woher die Idee für die Fusion kam, von der Tess McGill ihn (zusammen mit Jack Trainer) überzeugen will, und die ihre Chefin Katharine Parker als ihre eigene ausgibt. Wie Tess in diesem Moment glaubhaft erläutert, hatte sie einen Geistesblitz: Beim Lesen der Society-Seiten, wo sie ein paar Verbindungen herstellte, die man an keiner Business School lernt. „Ich lese viele verschiedene Sachen. Man weiß nie, woher eine große Idee kommt.“ („I read a lot of things. You never know where the big ideas could come from.”) Eine gute Maxime für alle, die kreative Einfälle haben und innovative Ideen durchbringen wollen, und die dabei nicht in Tess‘ Ausgangssituation geraten möchten.


Tipp: Die Magical History Tour

Im Berliner Kino Arsenal erlebte der Film im April 2019 eine Wiederaufführung: In der Reihe Magical History Tour ging es thematisch um Kleider in Bewegung – Kostüme, Stile und Mode im Film, was man an Tess‘ Metamorphose in der äußeren Erscheinung wie ihrer Stimme sehr gut nachvollziehen kann.


Working Girl (Die Waffen der Frauen). USA, 1988. Regie: Mike Nichols. Buch: Kevin Wade.

Oben der Vorspann von „Working Girl“: Die Staten Island Ferry auf ihrem Weg nach Manhattan, die Skyline mit den Twin Towers – zu Carly Simons oscarprämiertem Titelsong „Let the river run“. Unten der offizielle Trailer.

[1] Staten Island, der 5. Borough von New York City, das mit einer kostenlosen Fähre mit Manhattan und seiner Wall Street verbunden ist. Wie sich auf dieser Fähre die Kleinstadtfrauen bis heute jeden Morgen in Working Girls verwandeln, die Manhattan erobern, fängt der oscarnominierte Dokufilm „Ferry Tales“ (2003) von Katja Esson ein.

[2] Einige schlaue Gedanken und weiterführende Links zum Thema Privilegien und der Haltung, es sich selbst verdient zu haben, hier: https://www.bueronymus.de/privilegien-checken/ (abgerufen 25.12.2018)

[4] Lustigerweise findet hier der Pitch tatsächlich in einem Elevator, in einem Aufzug statt. Mit der Übung elevator pitch sollen sonst in der Tat Entrepreneure und solche, die es werden wollen, ihre Kern-Business-Story, ihr Alleinstellungsmerkmal, ihre durchschlagende Idee für ihr Gegenüber so kurz fassen, dass jeder es versteht und im besten Falle natürlich überzeugt ist. Dauer: So kurz wie eine Aufzugfahrt dauert.